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Begegnung und Dialog in Nes Ammim[1]
Simon Schoon
In einem Protokoll eines Dialog-Treffens in Nes Ammim steht:
„Ich kam als Zyniker. Ich habe nicht wirklich geglaubt, dass ich mich mit den Anderen anfreunden kann. Aber ich habe mich geändert. Das war eine ganz grundlegende Erfahrung für mich. Ich habe entdeckt, wie schön es ist, mich jemandem oder etwas anzunähern, das mir ganz fremd ist“, sagte ein Jude.
Ein muslimisches Mädchen sagte: „Ich habe gemerkt, dass ich richtig wütend werden kann, wenn ich andere Meinungen höre, als meine eigene. Ich habe gelernt zuzuhören. Jetzt weiß ich, dass ich mehr lesen muss über die ganze Situation, in der ich hier lebe.“
Sie waren für ein fünftägiges Seminar mit israelischen und palästinensischen Schülern vom 24. bis zum 28. Juli 2008 nach Nes Ammim gekommen.
Bei den Diskussionen während des Seminars gab es verschiedene kritische Momente, die zeigten, wie sehr die Teilnehmer auch die schwierigen Themen angehen wollten. Sie haben es geschafft, offen und ehrlich über ihre eigene Sicht auf die historischen Ereignisse während des israelischen Unabhängigkeitskrieges und der Nakba zu sprechen, der „Katastrophe“, wie die Palästinenser die Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 nennen. Sie sprachen auch über die Rolle ihrer Religion dabei. Das sind sehr sensible Themen in Israel.
Und so sensibel waren sie schon vor 35 Jahren. Damals war ich während des Yom-Kippur-Krieges in Nes Ammim. Von 1974 bis 1981 habe ich mit meiner Frau in Nes Ammim gelebt und gearbeitet. Zwei meiner Kinder hat sie hier geboren. Jetzt, 35 Jahre später, bin ich nach Nes Ammim zurückgekehrt. Damals war ich der Dorf-Pfarrer und habe das Studienprogramm geleitet, heute leite ich das Dialogprojekt.
Mein Leben war in den vergangenen 35 Jahren ein ständiges Hin und Her zwischen Amsterdam und Jerusalem, in beiden Städten habe ich Theologie studiert. Seit 1974 kann ich mich von diesen beiden Städten nicht mehr losreißen. Nes Ammim hat sich in den vergangenen 35 Jahren krass verändert. 2007/08 wartet hier keiner auf unsere nostalgischen Geschichten, darüber wie schön es früher einmal war. Damals lebten hier knapp 200 Volontäre – heute sind es 30.
Aber niemand von ihnen hat aufgehört zu träumen, zu träumen von einer neuen Aufgabe für Nes Ammim! Wir wollen Brückenbauer sein, Verständnis zwischen den Kulturen schaffen und wir geben unsere Vision nicht auf, dass sich Juden und Araber eines Tages versöhnen werden. Wir hören beiden Seiten zu und wir leben selbst hier mitten unter ihnen – im Gelobten und doch so sehr traumatisierten Land. Und das ist heute wichtiger denn je, in einer Zeit, in der die Gewalt zwischen Juden und Arabern wieder aufflammt.
2007 hat der niederländische Nes-Ammim-Vorstand mich gebeten, kurz nach meiner Pensionierung als Pfarrer in Gouda und Professor in Kampen, noch einmal die Koordination der Dialogarbeit in die Hand zu nehmen – im neuen Zentrum für Begegnung und Dialog. Wieder eine neue Herausforderung!
Und wie geht es sonst bei diesen Seminaren zu? Zum Beispiel bei den fünfzehn Seminaren, die ich 2008 organisieren durfte: Ich habe erlebt, dass Menschen sich aus Wut gegenseitig anschreien, dass sie aus dem Raum laufen, aber ich sehe auch, wie sich Menschen umarmen und in den Armen des Anderen weinen. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass Teilnehmer völlig aneinander vorbeireden. So etwas erlebe ich oft in Israel und in den palästinensischen Gebieten: Jeder hat seine eigene Geschichte und weigert sich, die des Anderen zu hören. Es gibt kein Raum für die Traurigkeit des Anderen neben dem eigenen Schmerz. Da ist oft keine Möglichkeit das Leiden seines Gegenübers zu sehen.
Die eigene Erfahrung wird zum Mythos, heilig und unantastbar, grundlegend für die eigene Identität. Die eigene Geschichte lässt keinen Raum für die Geschichte des Anderen. Symbole und Gedächtnisstellen verstärken es. Die Geschichte des Anderen ist bedrohend und wird weggedrückt. Sogar die Behörden und Wissenschaftler greifen in diesen Kampf ein. Die Geschichte des Anderen darf nicht wahr sein. So wütet schon seit Jahren eine heftige Diskussion unter Israelis darüber, was 1948 wirklich geschehen ist. Hat der kleine David den Riesen Goliath verschlagen oder ist das ein Mythos? Ist die arabische Bevölkerung aus dem damaligen Palästina freiwillig gegangen? Oder ist der größte Teil dieser Menschen mit Gewalt verjagt worden, wie die alternativen israelischen Historiker auf der Grundlage von Dokumenten behaupten? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Aber die beiden Parteien sehen nur die eigene Wahrheit, die sie zum Mythos erhoben haben.
In den Seminaren in Nes Ammim versuchen die Teilnehmer, sich die Geschichten von beiden Seiten anzuhören. Das ist nicht einfach. Auf beiden Seiten gibt es Erzählungen über den Ursprung der verschiedenen ethnischen Gruppen, mit der Zielsetzung, die eigene Identität zu bestätigen. So sah ich in Ramallah das gläserne Mausoleum über dem Grab von Yasser Arafat. Dort geht es um den Mythos des kompromisslosen „Vater des Vaterlandes“ des palästinensischen Volkes. Wenn Mythen mit religiösen Argumenten unterbaut werden, dann werden sie für unantastbar erklärt und über jede Diskussion erhaben. Ein naiver Fragensteller wird sofort als Verräter bezeichnet, wenn er sich wagt, in der „falschen“ Gruppe beispielsweise das Land hinter dem Westufer des Jordans als „die befreiten Gebiete“ oder „die besetzten Gebiete“ zu bezeichnen, beziehungsweise als „Judäa und Samaria“ oder „Palästina“. Dialog ist dann unmöglich.
Und trotzdem, alle Teilnehmer unserer Seminare in Nes Ammim sagten, dass sie – neben den Schwierigkeiten und den fordernden Momenten, die sie miteinander erlebten – sehr viel Spaß in Nes Ammim hatten. Dieses Erlebnis hat ihnen Kraft gegeben und sie motiviert eine Dialoggruppe zu bilden.
Bisweilen geschieht es dass Menschen durch das Dialog-Programm zum ersten Mal die Gebete einer anderen Religion beiwohnen – in einem muslimischen Freitagsgottesdienst, im jüdischen Schabbat-Gottesdienst und im christlichen Gottesdienst am Sonntag.
Es kommt auch vor, dass Gruppen sich wünschen, unsere eigenen Gottesdienste in Nes Ammim mitzumachen. Sie sind daran interessiert. Für sie ist es eine einmalige Chance um einmal einen Gottesdienst zu erleben, und eine Möglichkeit zu erfahren was die tiefste Motivation ist der Menschen in Nes Ammim, die hier für ein friedliches Leben in ihrem Land arbeiten.
Vor kurzem sollten siebzehnjährige Schüler aus jüdischen und palästinensischen Schulen am Ende ihres Seminars in Nes Ammim konkrete Pläne schmieden, wie sie nach ihrer ersten Begegnung weitermachen wollten. Ihre Vorschläge klangen ziemlich idealistisch: Sie wollten gemeinsam einen Basar organisieren, um die Kultur des Anderen besser kennenzulernen, und sie wollten regelmäßige gegenseitige Besuche und einen Austausch planen. Doch wie lange wird das halten? Bald werden die jüdische Schüler in die Armee gehen. Und was wird passieren, wenn die palästinensischen Jugendlichen eine ungleiche Behandlung erfahren? Wird dann der Tropfen auf dem heißen Stein verdampfen? Am Ende des Seminars teilten die Schüler Blumen aus. Sie erzählten dabei, was sie von einander gelernt hatten. Sie waren verlegen, bisweilen bewegt.
Reaktionen
Es ist ein Wunder, wenn im Dialog wirkliche Offenheit durchbricht, Verständnis für das Selbstverständnis des Anderen und Aufmerksamkeit für seine Emotionen. Oft geschieht dieses Wunder aber nicht. Einige Zitate aus Berichten und Auswertungen der Seminargruppen:
„Vom 27. bis zum 29. Juni 2008, kam eine Gruppe von 15 israelischen und palästinensischen Jugendlichen für zwei Studientage nach Nes Ammim. Das Programm war sehr fordernd und die Gruppe hatte den ganzen Tag Dialogsitzungen. Wir übernachteten in der Jugendherberge in Nes Ammim. Wir waren zufrieden. Ich möchte Ihnen nochmals danken, dafür dass Sie die Gruppe großzügig subventioniert haben, denn zwei ganze Tage Dialogarbeit sind sehr viel wichtiger für eine Gruppe, die zusammenwächst, als zehn einzelne Treffen. Ohne Ihre Hilfe hätten wir das nicht bezahlen können.“
„Die zwei Seminare mit Schülern aus Scheik Danun und von der Schule in Cabri am 2. und 3. März 2008 waren ein großer Erfolg. Wir haben gefühlt, dass sie eine sehr wichtige Rolle spielten, um arabische und jüdische Schüler zusammenzubringen, die Grenzen niederzureißen und zu helfen, dass eine wahre Beziehung zwischen ihnen entsteht. Wir danken Ihnen sehr dafür und schätzen Nes Ammims und Ihren persönlichen Beitrag dazu.“
Nes Ammim – ein Ort für DialogIm Oktober 2002 startete in Nes Ammim ein neues Projekt: „Center for Meeting and Dialogue“, das Zentrum für Begegnung und Dialog. Die Ideen dazu reiften schon seit einigen Jahren. 1963 wurde Nes Ammim gegründet, um das jüdisch-christliche Verhältnis zu verbessern. Christen aus Europa bauten ein Dorf mitten im Staate Israel, weil sie die Barrieren niederreißen wollten, die Juden und Christen über viele Jahrhunderte trennten. Sie arbeiteten für Verständnis und Versöhnung und kämpften gegen Vorurteile, um einen ehrlichen Dialog zu ermöglichen. Diese christlichen Pioniere zeigten ihren besonderen Bund mit dem jüdischen Volk.
Und bis heute haben wir schon eines erreicht: Juden vertrauen uns.
Aber auch zu unseren arabischen Nachbarn haben wir in den vergangenen Jahren gute Kontakte aufgebaut, und trotzdem müssen wir noch eine Menge in diese Richtung unternehmen, denn die Bewohner von Nes Ammim scheinen manchmal auf einer isolierten Insel in Galiläa zu leben. Heute gibt es eine neue Herausforderung, nach der uns unsere Freunde in der Nachbarschaft fragen: Wir müssen an einer guten Beziehung zwischen Juden, Christen und Muslimen arbeiten.
Furcht und HassDer Kontext in Galiläa, in dem die Nes-Ammim-Seminare stattfinden, ist von der Angst dominiert, die so charakteristisch für die Beziehung zwischen Juden und Palästinensern ist: Die Angst der Juden, dass sich die Araber in Galiläa mit den Selbmordattentätern aus dem Westjordanland solidarisch zeigen. Die Angst der Araber davor, dass ihr Land konfisziert wird, auf dem sie schon Jahrhunderte mit ihren Familien leben. Die Angst der Juden, dass die Araber im eigenen Land ihnen im nächsten Krieg in den Rücken fallen. Die Angst der Araber als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden. Das Misstrauen steckt tief. Der gegenseitige Hass scheint unbesiegbar.
Wieder und wieder steht bei den Treffen die eine elementare Frage im Raum: Wie können wir mit diesen Ängsten leben?
Im Mai 2008 war ich während der Gedenktage in Israel: Am Yom HaSchoah, dem jüdischen Holocaust-Gedenktag, heulten die Sirenen zum Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden. Eine Woche später heulten die Sirenen ein weiteres Mal, am Yom HaZikaron, zur Erinnerung an die Tausenden Israelis, die in den Kriegen der vergangenen 60 Jahre ihr Leben verloren haben.
Und um das Bild noch komplizierter zu machen: Wieder eine Woche später gedachten die Palästinenser der Nakba – der „Katastrophe“, der Gründung Israels. Sie hielten ihre eigenen Schweigeminuten und gedachten der Fakten, die in Europa fast niemand kennt, den Hunderttausenden, die flohen oder aus dem Land gejagt wurden, den Hunderten von Dörfern, die zerstört sind, und den Unzähligen, die während der beiden Intifada umgekommen sind.
Keine Bevormundung
Weil wir in dieser Situation, in diesem Konflikt in Israel leben, heißt das noch lange nicht, dass wir Position für eine der beiden Seiten beziehen wollen. Nein, die Menschen in Nes Ammim leben hier, weil sie in Sorge sind um die Beziehungen der Israelis untereinander – zwischen Juden, Christen und Muslimen. Wir mischen uns nicht ein in die Programme der Organisationen, die uns in Nes Ammim besuchen – obgleich wir uns die Programme anschauen, um sicherzustellen, dass sie nicht der Ideologie von Nes Ammim widersprechen. Wir wollen lediglich alles, was es zu diesen Seminaren braucht, zur Verfügung stellen und wir wollen das finanziell unterstützen. Es wäre arrogant, zu behaupten, dass wir wüssten, wie man die politischen, religiösen und sozialen Probleme dieses Landes löst. Aber Nes Ammim funktioniert als Ort, an dem sich Gruppen aus Israel treffen können, Juden und Araber, in einer offenen und harmonischen Atmosphäre.
Lokales Komitee
Jahrelang versuchte der Internationale Vorstand von Nes Ammim diese Treffen anders zu organisieren: durch ein lokales Dialog-Komitee in Israel, eine Art Nicht-Regierungs-Organisation (NGO), die das Dialogzentrum in Nes Ammim leiten würde. Aber bis vor Kurzem existierte es nur auf dem Papier. 2008 änderte sich das: Ein lokales israelisches Komitee für die Dialogarbeit in Nes Ammim gründete sich im Mai, es besteht aus drei Juden und drei palästinensischen Arabern, alle Israelis.
Eine der Mitglieder dieser Kommission ist Dr. Zahava Neuberger-Keller. Sie ist die Tochter von Rabbiner Aharon Keller, der Oberrabbiner von West-Galiläa, der den Widerstand gegen Nes Ammim in den 60er Jahren anführte. 1938 floh er vor der Schoah aus Deutschland. Seine ganze Familie wurde ermordet. Er war schockiert, als er 1960 erfuhr, dass eine Gruppe von Christen aus Europa in seinem Gebiet eine Siedlung aufbauen wollten. Er vertraute den Zielen dieser Pioniere nicht. Sie hatten erklärt auf Judenmission zu verzichten und nur die Begegnung mit Juden anzustreben. Aber in Europa hat Keller in seinen jungen Jahren nie eine solche Motivation von Christen kennengelernt. Bei diesen Kontakten, war immer etwas anderes und verdächtiges im Hintergrund: Letztendlich wollten sie doch immer Juden bekehren.
Darum schrieb Rabbiner Keller Protestbriefe an die Regierung in Jerusalem und organisierte heftige Demonstrationen in den Straßen von Naharija gegen die Pläne Nes Ammims. Er warnte in scharfen Formulierungen vor dem Projekt als „missionarische Bedrohung“. Die Briefe hängen noch heute in unserem kleinen Museum im Dorf. Zehn Jahre nachdem er sie geschrieben hatte, veränderte Keller seine Haltung und wurde zu einem Freund von Nes Ammim. Aber er hat viele Jahre gewartet und zugesehen.
1977 habe ich Rabbiner Keller viele Male in seinem Haus in Naharija besucht und lange Gespräche mit ihm geführt in seinem eindrucksvollen Studienzimmer. Ich war in seinem Haus doch eine Art „Missionar“ geworden, aber mit einem ganz anderen Ziel: Er hatte, so erzählte er, die Entwicklungen in Nes Ammim genau verfolgt und nahm Abstand von seinem anfänglichen Widerstand und Misstrauen. Er war bereit, nach Nes Ammim zu kommen und öffentlich seine Freundschaft anzubieten. Das geschah an einem einzigartigen und bewegenden Abend. Später kam er viele Male nach Nes Ammim, um Vorträge zu halten.
Seine Tochter Zahava kommt regelmäßig in unser Dorf, als Leiterin von Seminaren für jüdische und christlich-palästinensische Frauen, als Teil unserer Arbeit im Zentrum für Begegnung und Dialog. Sie erzählte mir, dass dieser Einsatz für Gespräch und Versöhnung für sie direkt verbunden ist mit ihrer Erziehung und mit dem Vorbild ihres Vaters. 1999 reichte sie ihre Doktorarbeit an der Hebräischen Universität in Jerusalem ein, über die jüdische Auslegungen (Midrasjim) des Buches Deuteronomium. In diesem fünften Buch der Thora geht es darum, wie man Fremdlingen in der Mitte Israels recht behandelt, vor dem Hintergrund der eigenen Versklavung in Ägypten. In ihrem orthodox-jüdischen Dorf hat man wenig Verständnis für Zahavas Dialogarbeit. Regelmäßig fliegt sie nach Deutschland, um dort Vorträge zu halten. Von ihren Nachbarn bekommt sie häufig diese Frage gestellt: „Warum sprichst Du die Sprache der Schoah?“ Aber sie steht zu ihrer Meinung. Sie ist eine würdige Tochter von Rabbiner Aharon Keller!
Und sie ist Mitglied in unserem lokalen Dialog Komitee.
Trialog!
Wer hat Angst vor Muslimen? In Europa jedenfalls viele! Politiker nutzen diese Angst aus. In E-Mails, die ich bekomme, klingt oft diese Angst durch. In Sätzen wie: „Bald gibt’s bei uns mehr Muslime als Christen.“, „Alle Muslime hassen die Juden und würden den Staat Israel lieber heute als morgen vernichten.“, und: „Der Islam ist eine Religion der Gewalt, während das Christentum die Liebe predigt.“ Es ist eine unmögliche Aufgabe diese Vorurteile rational zu entlarven. Angst kann man nicht mit Argumenten bekämpfen. Man muss miteinander sprechen: Wir brauchen ein Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen – den „Trialog“.
Auch in Israel herrscht die Angst vor den Muslimen – verständlich nach so vielen Bombanschlägen. Und das, obwohl der Islam dem Judentum eigentlich viel näher steht, als es das Christentum tut. Das habe ich in Israel oft gehört, von Wissenschaftlern und Rabbinern. Vor einiger Zeit versuchte das ein Rabbiner in einem Vortrag in Nes Ammim auszulegen für eine Besuchergruppe von niederländischen Christen. Die Gruppe war sehr enttäuscht. Wie wagte dieser Rabbiner das zu behaupten vor dieser Gruppe, die so ausgesprochen pro-Israel war, wie Muslime das natürlich nie sein könnten? Geduldig versuchte er sein Standpunkt zu erklären. Dass Juden Jahrhunderte lang in islamischen Ländern besser behandelt wurden als in christlichen Ländern. Und dass – religiös gesehen – das Judentum sich dem Islam mehr verbunden fühle, insbesondere wegen des Glaubens an die Einheit Gottes und wegen der starken Betonung der Gesetze, der Thora und der Scharia. Die Gruppe konnte es nicht akzeptieren. Die Angst vor dem Islam war zu groß.
Spannungen
Und genau diese Angst, zusammen mit dem israelisch-palästinensische Konflikt und den Spannungen zwischen Juden und arabischen Israelis lösen aufgeregte Debatten in den Kirchen Europas aus. Dieser Konflikt hat einen starken Einfluss auf den jüdisch-christlichen Dialog. Viele Fragen werden gestellt in den Kirchen Europas und von den Volontären in Nes Ammim, wie: „Wir haben nach der Schoah gelernt, mit den Juden und dem Staat Israel Solidarität zu zeigen, aber können wir Israel noch immer unterstützen, so wie es sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat?“, und: „Wenn wir unsere Solidarität mit Israel bekunden, heißt das, dass wir die Palästinenser im Stich lassen?“, und: „Wenn wir uns um Palästinenser kümmern, wenden wir uns dann von den Juden ab?“. Das sind elementare Fragen.
2002 haben wir ein Memorandum verfasst für das neu gegründete Zentrum für Begegnung und Dialog in Nes Ammim. Folgendes ist darin festgehalten: „Wir denken, dass wir unsere Solidarität in Israel bekunden können, dadurch, dass wir das tun, in dem Nes Ammim gut ist: ein Ort für Begegnung und Dialog sein. Besucher glauben, dass Nes Ammim ein kleines europäisches christliches Dorf in Israel ist, wo Begegnungen zwischen den Religionen in einer ruhigen und ausgeglichenen Atmosphäre stattfinden können. Wegen des Vertrauens, dass sich durch die Mühe der früheren Bewohner und der heutigen Gemeinde entwickelt hat, können wir ein mehr oder weniger neutraler Ort für beide Seiten sein, für israelische Juden und palästinensische Araber. Unser Zweck ist es, genau diesen Rahmen für Begegnungen zur Verfügung zu stellen.“
Brücken bauen
Aber kann man denn mit beiden Seiten solidarisch sein? Wie kann man diesen Standpunkt verteidigen? Kann man beide Geschichten gleich anhören? Ich habe es bis jetzt versucht und es immer verteidigt. Auch als ich im Januar 2005 eingeladen war, eine Rede zu halten für die Rheinische Synode zum 25. Jubiläum der Rheinische Erklärung zum Verhältnis zwischen Christen und Juden. Und auch als ich im April 2008 eine Ansprache hielt für die Niederländisch-Protestantische Synode, stand am Anfang eine bewegende Debatte über den israelisch-palästinensischen Konfikt. Sie beschlossen die unaufkündbare Verbindung zum Volke Israels aufs Neue zu bestätigen und zugleich die ökumenischen Beziehungen zu den palästinensischen Kirchen zu verstärken.
Aber in Europa denken die meisten Menschen leider zuviel in schwarz und weiß: entweder – oder. Entweder nur wählen für die Juden, oder nur für die Palästinenser. Wie soll man sich dieser Neigung entziehen? Meines Erachtens gibt es für die Christen in Nes Ammim keinen anderen ehrlichen Weg, wenn sie dem Juden Jesus folgen möchten. Damit meine ich: Mit allen Nachbarn in Galiläa leben, Brücken bauen, beide Geschichten hören, und Dialog und Trialog anstreben. Auf diesem Weg hoffen wir auf Gerechtigkeit für beide Völker in dem Einen Land, für Juden und Palästinenser – und wir beten dafür.
Ist dieser Traum in Israel und den Palästinensischen Gebieten je zu verwirklichen? Bisweilen verzweifle ich daran. Jeder in diesem „Gelobten“ Land erwartet von uns bedingungslose Solidarität. Ist es wirklich möglich beide Geschichten zu hören? Vielleicht funktioniert das gerade noch in Galiläa, wo wir in Nes Ammim leben und arbeiten. Aber ist es auch dort machbar, wo die Hamas-Raketen aus Gaza fallen? Oder im Gebiet westlich des Jordans, wo die jüdischen Siedlungen gegen alle politischen Versprechen immer weiter ausgebaut werden?
In der Kirchenordnung der Protestantischen Kirche in den Niederlanden steht seit 2004, dass „die Kirche unaufkündbar verbunden ist mit dem Volke Israel“. Die Diskussion darüber ist in den letzten Jahren wieder entbrannt: Mit wem sind wir als Kirche eigentlich unaufkündbar verbunden? Mit dem jüdischen Volk als Ganzes? Auch mit dem jüdischen Staat? Aber dann auch mit der 20-Prozent-Minderheit der arabischen Bevölkerung dieses Staates? Und wie steht es um die Solidarität zu den christlichen Palästinensern? Und mit dem palästinensischen Volk als Ganzes? Ist es wirklich möglich beide Geschichten anzuhören? Mein Glauben lässt mir keine andere Wahl, als die, die ich immer wieder getroffen habe, und selbst daran zu leiden, wenn ich auf Unverständnis auf beiden Seiten stoße.
Keines der beiden Völkern kann den Anderen vernichten oder ins Meer treiben. Wenn sie verweigeren, einander zuzuhören, wird dieses Drama in einer schrecklichen Tragödie enden. Nur Umkehr aus dem Hass und der Angst kann dies verhindern. Gerechtigkeit für beide Völker ist der einzige Ausweg aus diesem Alptraum. Es ist ein Privileg, dass Nes Ammim einen sehr kleinen Beitrag leisten darf, Wege zur Annäherung zwischen Juden und Palästinenser zu finden.
Simon Schoon wohnte und arbeitete in Nes Ammim,1974-1981 und 2007-2009. Er ist in den Niederlanden Emeritus Pfarrer der Reformierten Kirche in Gouda und Emeritus Professor Jüdisch-Christliche Beziehungen an der Theologischen Universität in Kampen
[1] Vielen Dank an Florian Elsemüller für seine Hilfe bei Übersetzung und Verbesserung des Textes.
