EINIGE GEDANKENANSTÖSSE ZUR
THEOLOGISCHEN BASIS DER BEZIEHUNG ZWISCHEN KIRCHE UND ISRAEL
(in bezug auf Nes Ammim)
1. In 1986 schrieb ich in einem Festschrift für Heinz Kremers: "In NA geht Erfahrung der theologischen Reflexion voraus. Die Erfahrung der Begegnung mit dem lebenden jüdischen Volk im Staat Israel ist eine theologische Herausforderung ersten Ranges". Das gilt von Johan Pilon und Heinz Kremers ab bis heute. Kirchen und Theologen versuchen immer wieder erst die Theoriebildung durchzusetzen und danach überzugehen zu der Praxis. F.-W.Marquardt (Prologomena, S.216) schreibt aber:"Das biblische 'Sein in der Tat' steht diesem uns geläufigen Selbstverständnis gegenüber. Die Bibel kennt eine andere Ontologie". En verder (Prologomena, S.243):"Es sind die Tat-Orte, die Verstehen und Denken lehren". Daraus folgt im NA-Kontext, dass wir zu hören haben auf den Erfahrungen in der konkreten Begegnung im Lande Israel. Treffend schreibt Andreas Laqueur im letzten Arbeitsbericht:"Die Schwierigkeit der Konsensfindung liegt nicht bei der Praxis selber,( -) sondern in ihrer mehr grundsätzlichen Beschreibung". Vielleicht soltten wir doch viel stärker lernen von den Erfahrungen in der Praxis NA's.
2. Das Memorandum van 1960 ist ein wichtiges historisches Dokument. Es zeigt die Anfangsmotivierung NA's. Solche Dokumente soll man nicht korrigieren oder verändern aber sorgfältig aufbewahren. Inzwischen soll man auf dem neuen Kontext achten, sonst wird die Begegnung in Israel antiquarisch. Siehe auch Marquardt, Prologomena S.153:"Darum geht es für Christen zuerst um neue Lebensverbindlichkeiten, damit es um andere Denkmöglichkeiten gehen kann als bisher". Das Leben im Dorf NA hat für viele junge Christen eine neue Lebensverbindlichkeit bedeutet und hat sie nach Auschwitz und nach dem Anfang des Friedensprozesses im Nahen-Osten auf neuen Gedanken gebracht. NA ist ein Lernort wo nach Auschwitz die Umkehr (auch theologisch) geübt wird. Aber NA macht auch Schritte zu einem anderen Lebensstil und lehrt Christen aus dem Westen mit jüdischen und arabischen Nachbarn zu leben (auch eine gute Übung zum multikulturellen Gesellschaft).
3.Die Beziehung zwischen Kirche und Israel ist nicht theologisch fest zu schreiben. Es gibt keine eindeutige 'christliche Theologie des Judentums' und keine 'jüdische Theologie des Christentums'. Es gibt nach Auschwitz Versuche zum Denken aus der theologischen Umkehr hinaus. Man könnte sich Gedanken machen zu einer Theologie der Verbundenheit zwischen Juden und Christen. Es ist noch ein langer Weg zu gehen, bevor alle Formen des Antijudaismus aus Kirchen und Theologie gebannen sind.
4. Mehr und mehr wird für Engagierte im jüdisch-christlichen Gespräch die Kirche theologisch problematisch. Die Rheinische Erklärung (1980) hat gesagt:"Wir glauben die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Gottes Volk und erkennen,
dass die Kirchen durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen ist". Aber was meint `hineingenommen'? Gilt der Bund in der Bibel auch für die Kirche(n)? Ich folge Marquardt in diesem. Er sieht den Begriff 'Bund' als ein Verheissungswort, gegeben an Israel, mit einer Ausstrahlung zu den Völkern. Die Kirchen dürfen als Vertreter der Völker darauf hoffen Partner zu werden in der Bundesgemeinschaft mit Israel, wenn sie bereit sind als Kirchen die Last Israels mitzutragen in der Heiligung des Gottesnamens und wenn sie mit Israel mitarbeiten in der Veränderung (nicht die Überwindung) der Welt und wenn sie mit Israel auf dem Wege gehen zum neuen Bund der noch bevorsteht.
5. Die meisten theologischen Kontroversen in der Geschichte NA's handelten über Christologie und Eschatologie.
Was hat NA gemeint in der Grundsatzerklärung von 1970 mit dem Kompromis-Satz:"Die Christen die in und für NA arbeiten, bekennen in Übereinstimmung mit dem Heiligen Schrift Jesus von Nazareth als den Messias"? Inzwischen haben wir weiter gelernt. Auch von Theologen wie Heinz Kremers, Paul van Buren und Friedrich-Wilhelm Marquardt.
Es ist z.B. eine besondere theologische Herausforderung, wenn Marquardt das Denken über die Trinität in seinem letzten Band unter die Eschatologie behandelt. Siehe 1.Kor.15,28. Die Trinitätslehre steht unter eschatologischem Vorbehalt.
Darrell Fasching, Narrative Theology after Auschwitz: From Alienation to Ethics, Minneapolis 1992, plädiert z.B. für eine Post-Shoah-Christologie, wobei Jezus nicht die Antwort ist auf allen Fragen aber vielmehr die Frage für alle Antworten und worin wir Christus insbesondere begegnen in Fremden.
6. Ein Beispiel von Lernen bei Marquardt: Die Jom Kippur - Liturgie is bei ihm ein Hinweis für das theologische Denken über das letzte Gericht (Eschatologie III, S.308-312).
7. Christen sind zur Verbundenheit mit dem jüdischen Volk gerufen, auch wenn kein Jude am Dialog interessiert wäre.Weil die Verwürzelung der Kirche in Israel zu den notae ecclesiae (die Merkmale der Kirche) gehört. Mit den Worten Marquardts (Eschatologie II, S.164): "Mag Israel das Recht der Distanz behaupten, uns gehört die Pflicht der Beziehung".
